Dr. Thomas Maurer gibt FDP-Kreisvorstand Einblick in die Strukturprobleme ärztlicher Versorgung

Der Vorstand des FDP-Kreisverbandes widmet sich in seinen Sitzungen regelmäßig Schwerpunktthemen, um sich von kompetenter Seite über ausgesuchte politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Sachverhalte informieren zu lassen. Am 5. April 2011 gehörte die Aufmerksamkeit von interessierten Vorstands- und Parteimitgliedern dem Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Thomas Maurer aus Leck, der für die FDP-Fraktion als stellvertretendes beratendes Mitglied dem Gesundheitsausschuss des Kreistages angehört und zum Thema der Strukturveränderungen der ärztlichen Versorgung in Nordfriesland sprach.

Vortrag von Dr. Maurer
Vortrag von Dr. Maurer

Nordfriesland habe einer der im Schnitt niedrigsten Ärztedichten im Bundesvergleich, ein Arzt komme so auf 900 Bürger, zudem verteilen sich die Ärzte im Kreis „hochgradig ungleichmäßig“: Schwerpunkte auf Föhr und Sylt herausgerechnet, werden die Zahlen für das Festland noch deutlich schlechter. Die Zahl der Ärzte sinke, z.Zt. seien es ca. 210 niedergelassene Ärzte. Konnten die freiwerdenden Arztsitze in den letzten 5 bis 10 Jahren immer noch, wenn auch oft nach längerer Zeit, nachbesetzt werden, sei dies seit 2 Jahren nicht mehr machbar: Praxen zwei Ärzte würden beispielsweise nur noch von einem Arzt übernommen, viele Praxen bleiben ganz ohne Nachfolger. So komme die „definitiv fallende Arztzahl“ zustande, der aber ein steigender Bedarf nach Ärzten entgegen stehe: Menschen werden älter und immer öfter/mehr krank. Die gute Behandlung führe schließlich zur Verlängerung des oftmals weiter kränkelnden Lebens.

Schließlich habe sich auch eine massive Strukturveränderung in der ärztlichen Versorgung entwickelt. Früher habe ein niedergelassener Arzt von morgens früh bis abends spät behandelt – Heute wollen die Ärzte Praxen, in denen sie nur noch 48 – 50 Stunden arbeiten und lassen sich daher nur noch anstellen, weil sie nach 32 Stunden nach Hause gehen wollen. Das gelte insbesondere für Ärztinnen: Frauen bekämen nun mal immer noch die Kinder und wollen sie auch betreuen. Diese Entwicklung führe aber dazu, dass die heutigen 210 Ärzte in Nordfriesland weniger Arztstunden machen, als es früher 200 Ärzte, die ausschließlich ihre eigenen Praxen bearbeitet haben. Mittlerweile hätten ungefähr 15-20% der niedergelassenen Ärzte in Nordfriesland angestellte Ärzte.

Demgegenüber beklagten die Krankenkassen aber weiter über eine Überversorgung an Ärzten: „Rechnerisch haben wir in allen Gebieten eine Überversorgung, weil die Krankenkassen sich auf die Bedarfsplanung in den Bedarfsbezirken beziehen.“ Dieser Widerspruch erkläre sich wie folgt: Die Bedarfsplanung sei im Jahre 1993 nicht danach eingeführt worden, wie viele Ärzte man braucht, sondern danach, was 1993 Fakt war (Festschreibung). Aber die Extrapolation funktioniert nicht. „Folge: Die Lage ist ernst in Nordfriesland!“ Nunmehr gebe es das Instrument der Sonderbedarfszuweisung: Neue Ärzte können so in die Bezirke zusätzlich zugelassen werden. Aber es verschärfe die Budgetproblematik: Die Kassen bezahlen eine gesetzlich festgelegte Gesamtvergütung mit befreiender Wirkung, die fixiert sei. Jeder neue Arzt bedeute, die alten Ärzte zahlen für diesen mit, in dem sie weniger erhalten. Trotz Mangel will daher kein Arzt zusätzliche Ärzte, auch wenn er die Arbeit selbst nicht schaffte. Das Problem wäre keins, wenn der zusätzliche Arzt die Arbeit machen würde, die die anderen nicht mehr machen müssten. Das würde voraussetzen, dass die Ärzte Patienten abgeben können. Fakt aber sei, dass die Ärzte die gleiche Arbeit machen werden, nur mehr Zeit pro Patient haben (ohne finanziell besser gestellt zu werden). „Das wird kein Arzt mitmachen!“, resümierte Maurer. Im Ergebnis würden insbesondere Palliativ-, Demenz-, Krebs- und Schmerzpatienten sowie Kinder gerade sozial benachteiligter Familien schlechter betreut, denn eine Veränderung der Budgetproblematik finde durch eine höhere Zahl an Ärzten nicht statt. Die Motivation der Ärzte sinke, wenn sie weniger Geld erhalten. Deswegen würden die Praxen auch mal Freitagnachmittags dicht gemacht, obgleich Patienten da wären. „Ohne zusätzliches Geld wird daher keine kassenärztliche Vereinigung neue Ärzte nach Nordfriesland schicken, weil es zu Lasten der bereits niedergelassenen Ärzte geht!“

„Krankenhäuser in ländlichen Gebieten wie unserem müssen ebenfalls die ambulante Versorgung übernehmen und tun das auch. Das zwingt zu mehr Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten!“ Allerdings stünden die nordfriesischen Krankenhäuser im starken Wettbewerb zu den Kliniken in Heide, Flensburg, Kiel oder Schleswig.

Auf die Frage nach einer Quersubventionierung durch Privatpatienten entgegnete Dr. Maurer, dass es eine solche gebe, stellte aber klar, dass auch die Regelungen für die Abrechnung mit Privatpatienten uralt seien und das Problem bergen, stärker die Gerätenutzung zu honorieren. Damit würden Privatpatienten aber nur den Fachärzten helfen, nicht den Hausärzten.

Beispiel: Ein Facharzt schicke den Privatpatienten durch alle seine Geräte und stelle dafür „mit Freuden“ eine Rechnung über 3.000 Euro. Der Patient komme sodann zu seinem Hausarzt in die Sprechstunde und lasse sich die komplizierten Testergebnisse eine Stunde lang erklären, wofür der Hausarzt pauschal 20 Euro in Rechnung stellen darf. Der Patient komme in der Folge für die Folgerezepte für die vom Facharzt verordneten Medikamente, wofür der Hausarzt 3 Euro erhalte. Nach einem Jahr gehe der Patient erneut zum Facharzt zur Kontrolle, wo der Kreis von Neuem beginne.

Eine Reform sei nur durch Schaffung normaler Leistungsanreize möglich. „Wer mehr leistet, der bekommt mehr! Aber es muss dann insgesamt mehr bezahlt werden!“ Dies müsse schließlich verknüpft werden mit einer drastischen Reduzierung der Aufgaben der Krankenkassen, die immer mehr Leistungen außerhalb der Absicherung des Krankheitsrisikos anbieten. „Prävention hat in der Krankenkasse nichts zu suchen, es sei denn man hat das Geld über!“ Es müsse mehr Transparenz hergestellt werden. Das bedeute, Rechnungen an alle Patienten, auch die Kassenpatienten zu stellen, die dann auch voll bezahlt werden müssten. Dann würden die Patienten – dem Klischee des Lehrers folgend – vielleicht auch mit der Lupe in die Rechnung schauen. „Das gilt nicht nur für Lehrer sondern auch für normale Menschen!“, spielte Maurer augenzwinkernd auf das althergebrachte Klischee an. Es sei eine Vergütung notwendig, die sich an den Versicherten orientiere. Dem Mangel an Ärzten begegne man aber kurzfristig nur dadurch, dass die vorhandenen Ärzte mehr arbeiten. Daher sei das Anreizsystem wichtig.

Auf die Frage nach der ausufernden Pflicht zur Dokumentation, bestätigte der Allgemeinmediziner, dass dies eine starke Behinderung der Ärzte darstelle. Die Kosten für die Verwaltung seien in die ausgeschüttete Gesamtvergütung eingepreist, und damit eine „Resourcenverschwendung“, weil man faktisch genau so lange für die Dokumentation benötige, wie für die Behandlung. 

Dr. Thomas Maurer erklärte zum Thema Medizinische Versorgungszentren (MVZ), diese übernehmen grundsätzlich sinnvolle Aufgaben, könnten aber bestimmte Probleme der medizinischen Versorgung nicht lösen. Es gebe zwei unterschiedliche Strukturen: Entweder man führe zwei selbständige Ärzte zweier unterschiedlicher Fachrichtungen wie in einer Gemeinschaftspraxis zusammen, was aber nur Sinn mache, wo so Räume und Geräte intensiver genutzt werden können. Dies eigne sich vor allem für Fachgruppen, die einen hohen Technikanteil haben und ein größeres Einzugsbereich abdecken. Dies eigne sich daher weniger für kleine Dörfer und eine flächendeckende hausärztliche Versorgung. Die überwiegende Anzahl von 95% der heutigen MVZ sei dagegen von Klinikträgern mit angestellten Ärzten organisiert. Der Effekt sei, dass zu Beginn des MVZ dieser angestellte Arzt arbeite, als wäre er selbstständig, weil man sich ja nicht gleich ändert. Danach habe man nur noch Klinkassistenten, die nur 38 Stunden arbeiten, die sie auch bezahlt bekommen, aber keine Stunde mehr zu arbeiten bereit sind. Das Problem sei, dass dies nicht patientennah ist, weil in diesen MVZ eine hohe Personalfluktuation herrsche. Die MVZ eigne sich daher nur dort, wo es egal ist, wer sie betreut, also bei Katheter-Untersuchungen etc.

Einsparmöglichkeiten sind nach den Worten Maurers „hochgradig begrenzt“, so lange nicht die individuelle Leistung des Arztes zähle. Das die Pharmaindustrie Medikamente auf den deutschen Markt bringt, die das Dreifache kosten als anderswo, sei nicht hinnehmbar. Die Kosten würden im Bereich der Pflege und der Heilmittel nur deshalb weglaufen, weil die, die daran verdienen, nicht in der Verantwortung für die Kosten stünden. Die Kostenverursacher seien in die Pflicht zu nehmen und zu überprüfen. Sparen könne man aber schließlich nur, wenn der Leistungskatalog eingeschränkt werde: „Solange jeder das Optimale bekommen kann, wird das nichts!“

Als Forderungen an die „große“ Bundespolitik skizzierte er:
• Mehr Geld für mehr Arbeit, Leistung muss sich lohnen! Komplizierte Behandlungsfälle müssen besser bezahlt werden, als Grippefälle.
• Verwaltungsausgaben der Krankenkassen müssen gesetzlich begrenzt werden, da aktuell von den Gesamtkosten der Krankenkassen nur 6% auf die ambulante medizinische Versorgung entfallen
• Keine Renditeausschüttungen für Pharma-Aktionäre, sondern das Geld muss wieder in die Versorgung investiert werden.
• Versicherungsfremde Leistungen müssen politisch aus dem Leistungskatalog gestrichen werden, z.B. künstliche Befruchtung.
• Finanzierung der Großtechnik außerhalb der Leistungserbringervergütung! Die heutige Gesamtvergütung finanziere nämlich nicht nur die Leistung, sondern auch die technische Amortisation.

Gegenüber der „kleinen Politik“ auf Landes- und Kommunalebene bat der Mediziner um Unterstützung – sowohl finanziell, wie ideell: 
• „Pflegt die, die jetzt schon da sind, weil sich Nachfolger immer schlechter finden lassen und Nachfolger nur in gut laufende Praxen kommen!“
• „Unterstützt die Krankenhäuser, weil nur sie junge Ärzten produzieren, die die möglichen Nachfolger sind!“ Kein Hamburger oder Göttinger Arzt komme schließlich von den dortigen Unikliniken nach Viöl.
  

Ausdrücklich betonte Maurer, dass es dabei nicht um mangelnden Wohlstand der Ärzteschaft gehe. Man müsse den Eindruck vermeiden, so zu klingen, als müsse man mit dem Klingelbeutel rumgehen: „Dem ist nicht so! Mir geht es sehr gut, Ärzte können von dem ohne weiteres überleben!“

Mit Applaus verabschiedeten die Anwesenden den Vortragsgast sodann in den verdienten Feierabend, den der Mediziner im Anschluß an seine Sprechstunde für die Fahrt nach Husum verschoben hatte. Kreisvorsitzender Kurt Eichert dankte Dr. Maurer für den kompetenten Einblick in eine komplizierte Materie: „Das muss man erstmal sacken lassen!“ Klar sei aber auch, dass sich die nordfriesischen Liberalen künftig verstärkt um den Bereich Gesundheitspolitik in Nordfriesland kümmern wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.